Über mich

Ich bin Rudi Richterschitz. Und ich glaube, dass in jedem Leben gute Geschichten stecken.

Manche Erinnerungen schlafen jahrzehntelang. Dann genügt ein Geruch, eine vertraute Stimme oder ein längst vergessen geglaubtes Bild – und plötzlich ist alles wieder da.

Bei mir beginnt vieles in Gaming, einem kleinen Markt im Ötscherland, am Fuß des knapp 2000 Meter hohen Ötschers. Unser Leben war wenige Jahre nach dem Krieg bescheiden, aber als Kind empfand ich keinen Mangel. Mein persönliches Paradies lag ohnehin fast vor der Haustür: ein verborgenes Uferstück an der kristallklaren Erlauf, mit feinem Sand und genügend Platz für Burgen, Träume und die großen Fragen eines kleinen Buben.

Nach dem frühen Tod meines Vaters war an eine weiterführende Schule fernab des Heimatortes nicht zu denken. Also begann für mich mit vierzehn der sogenannte Ernst des Lebens: eine Lehre in einem ehrbaren Metallberuf und das erste selbstverdiente Geld.

Ein Teil davon floss postwendend in modische Wagnisse. Milanos – schwarzweiße Schuhe mit schmalen Spitzen, welche die Zehen arg malträtierten –, bunte Hawaiihemden, weite Hosen und Jacken in Farben, bei denen meine Mutter vermutlich um meine Zukunft bangte. Ich hingegen war mit fünfzehn überzeugt, ein ausgesprochen fescher Bursche zu sein.

Später zog es mich aus dem engen Tal hinaus. Berufliche Jahre in Schweden, Deutschland, England und den Niederlanden erweiterten nicht nur meine Fachkenntnisse, sondern auch meinen Horizont. Zurück kam ich mit neuen Erfahrungen, ein paar Fremdsprachen im Gepäck – und mit einem fröhlichen holländischen Meisje, das später meine Frau wurde.

In den 1970er-Jahren wagte ich den Sprung in die Selbstständigkeit. Aus kleinen Projekten entstand im Lauf der Zeit ein Betrieb mit einer stattlichen Zahl an Mitarbeitern. Es gab gute Jahre, Aufbruchsstimmung und Erfolg – aber auch Rückschläge, bei denen sich plötzlich zeigte, wie schnell ein sicher geglaubter Boden ins Wanken geraten kann.

Im Rückblick betrachtet, hatten auch diese Talsohlen ihren Wert. Sie lehrten mich, manches gelassener zu sehen, nach einem Sturz wieder aufzustehen und nicht hinterm Ofen hockend Verlorenes zu beweinen. Meinen wohl schon in die Wiege gelegten Optimismus und meine Lebensbejahung wollte ich mir jedenfalls bewahren.

Zur selben Zeit erfüllte ich mir einen Kindheitstraum. Schon als kleiner Bub wollte ich wissen, wie die Welt hinter dem nächsten Gipfel aussieht. Also lernte ich das Fliegen und erwarb den Pilotenschein.

Was früher stundenlange Fußmärsche über Berge und durch Täler verlangt hatte, lag nun wenige Flugminuten entfernt. Diese neue Perspektive hat mich geprägt. Aus dieser Höhe wurde vieles kleiner – nur die Neugier blieb groß. Es war die Verwirklichung eines fantastischen Traums, der mir die Freiheit schenkte, die Welt aus einem völlig neuen Blickwinkel zu erleben.

Erst vor nicht allzu langer Zeit habe ich meine Pilotenlizenz zurückgegeben. Und wer Ahnung vom Fliegen hat, weiß:

Da oben fliegt nur, wer am Boden hellwach ist.

Das Schreiben begleitete mich zunächst eher zaghaft. Frühe Gedichte waren vermutlich keine Gefahr für Goethe und Schiller, aber sie reimten sich wenigstens. Später verfasste ich Texte für berufliche Projekte und beschäftigte mich intensiver mit lebendiger Sprache und nach einem Lehrgang mit dem Schreiben origineller Werbetexte.

Der eigentliche Anstoß kam jedoch aus einer viel persönlicheren Richtung.

Lange Jahre nach dem Tod meines Vaters entdeckten wir stapelweise Briefe, die er geschrieben, aber nie abgeschickt hatte. In feiner Kurrentschrift brachte er seine Gedanken schnurgerade zu Papier – ohne Hilfslinien und mit einer Sorgfalt, die mich tief berührte.

Vielleicht lag dort der erste Funke.

Jahre später begann ich selbst, in meinen Erinnerungen zu kramen. Und plötzlich tauchten Stimmen, Bilder und Gerüche wieder auf. Ich hörte das Lachen alter Freunde, sah vertraute Gesichter und meinte beinahe, wieder den Rauch aus dem hohen Fabriksschlot zu riechen oder das müde Schnaufen der alten Dampflok im Erlauftal zu hören.

Erinnerungen, die längst verschwunden schienen, stiegen wie Luftblasen aus tiefem Wasser wieder an die Oberfläche.

Aus einzelnen Notizen wurden Geschichten. Aus Geschichten wurde eine Leidenschaft. Freunde und Familie nannten meine Art zu erzählen irgendwann liebevoll „Hochgeschwindigkeitsprosa“.

So entstand schließlich Halt’s fest.

Denn nicht nur in meinem Kopf schlummern Begebenheiten, die es wert sind, bewahrt zu werden. In jedem Menschen steckt ein reicher Vorrat an Erlebnissen, Begegnungen, Freuden, Verlusten und kleinen Abenteuern.

Man muss kein Schriftsteller sein, um sie aufzuschreiben.

Man muss nur anfangen.

Nicht, um perfekte Literatur zu schaffen. Sondern um Wertvolles festzuhalten.

Denn was nicht aufgeschrieben wird, wird mit der Zeit leiser. Und manches, was uns heute selbstverständlich erscheint, wäre für Kinder und Enkel vielleicht einmal ein kostbarer Blick in eine längst vergangene Welt.

Darum gibt es diese Seite.

Damit Erinnerungen nicht einfach verschwinden, sondern einen Platz bekommen, an dem sie weiterleben dürfen.